[Lesetipp] Hier könnte das Ende der Welt sein – John Corey Whaley

Hanser JBDer Titel „Hier könnte das Ende der Welt sein“ verrät zunächst nichts über den Inhalt dieses Jugendbuches aus dem Hanser Verlag und doch ist er irgendwie passend gewählt, da wohl so ziemlich jeder Teenager in dieser Phase an das Ende der Welt glaubt. Wer jetzt jedoch ein typisches Jugendbuch mit bunten, schrillen Charakteren und blumigen Romanzen erwartet, der wird möglicherweise enttäuscht sein. John Corey Whaley greift zwar auch die typischen Themen diese Zeit auf, verarbeitet sie jedoch ganz anders, als man das sonst von Autoren aus diesem Genre kennt.

Die Geschichte des Romans scheint schnell erzählt. Cullen ist ein typischer 17 jähriger Teenager, der sich in einer Kleinstadt langweilt, weil jeden Tag das Gleiche passiert und die Leute es nicht schaffen, dieser Einöde zu entkommen, um ihren vorgezeichneten Lebensläufen zu entfliehen. „Es ist ein Ort, an den man ziehen möchte, kurz bevor man stirbt.“. Wenn man dann noch wie Cullen unglücklich verliebt ist, scheint das Todesurteil bereits gefällt. Zwei Ereignisse sollen diese Gewohnheit aufbrechen: die vermeintliche Sichtung eines seltenen Spechts sowie das Verschwinden seines jüngeren Bruders Gabriel. Doch in welchem Zusammenhang können die beiden stehen? Und was hat der Gläubige Bengton damit zu tun, der so gar nicht in diesen ganzen Rahmen zu passen scheint?

Für mich hat das Buch zu Beginn von den wunderbar außergewöhnlichen Charakteren gelebt. Der Protagonist Cullen war mir von Anfang an sympathisch. Er beschreibt sein Leben und seine Umgebung wunderbar trotzig, sarkastisch und authentisch. Sobald etwas emotional aufwühlend ist, erzählt er es in der dritten Person, so als würde es gar nicht mehr um ihn gehen. Es wird nichts beschönigt oder verklärt wie das in so manchen Jugendbüchern ist, sondern auch schwierige Themen wie Drogen, Depression, Sex, Religion und Tod werden realitätsnah dargestellt. Überhaupt gibt es für ein Jugendbuch ungewöhnlich viele Tote.

Doch auch die anderen Figuren aus Cullens Familien- und Freundeskreis sind alle etwas skurril und haben jeder so ihre speziellen Eigenarten, die für mich sehr unterhaltsam waren. Der Umgang zwischen den männlichen und weiblichen Charakteren ist zudem sehr natürlich und reif, was mir oft in anderen Jugendbüchern fehlt. Verwirrend ist zunächst, dass es noch eine Parallelgeschichte gibt, die man als Leser nicht in die Geschehnisse einordnen kann und die immer an einer spannenden Wendung wieder abbricht. Gemeinsam ergibt sich daraus eine interessante Mischung, weil eigentlich nicht viel passiert, aber im Hintergrund trotzdem eine besondere Leseatmosphäre aufgebaut wird, die meine Neugier geweckt hat.

Der Autor schafft es immer kleine Gedankensprünge und Geschichten einzubauen, die teilweise sehr nebensächlich erscheinen mögen, aber am Ende hat es für mich als Leser alles Sinn gemacht und zu einem großen Ganzen zusammengeführt. Man schweift unterwegs auf so viele Pfade ab und letztendlich war die Geschichte von Anfang an vorgezeichnet, obwohl man es mitunter gar nicht bemerkt hat. Bis zur Hälfte oder zwei Dritteln der Geschichte wusste ich nicht, was auf mich zukommt und das fand ich interessant. Für einige andere Leser mag der erste Teil vielleicht zu unspektakulär sein, aber mich haben diese ganzen Ungereimtheiten und unverbundenden Zufälle zum Weiterlesen bewegt. Es gibt viele Symbole, deren Bedeutung man erst später erkennt. Gegen Ende konnte ich das Buch gar nicht mehr weglegen, da sich so viel ereignet und der Autor immer nur ein kleines weiters Puzzlestück einfügt, was das Bild immer klarer erscheinen lässt, das Ende bleibt jedoch trotzdem verschwommen.

Als ich auf der letzten Seite angekommen war, wusste ich erstmal nicht so genau, was ich vom Ende halten sollte. John Corey Whaley hat es eher offen gehalten und mit solchen nicht vorhandenen Abschlüssen tue ich mich normalerweise schwer. Aber in diesem Fall wirkte es für mich so, als würde der Autor es jedem Leser selbst überlassen, in welche der beiden Richtungen man das Ende auslegt. Diese Wahl ist sicher für einige Leser unbefriedigend. Für mich persönlich ging es jedoch darüber hinaus. Die Geschichte war meiner Meinung nach ein Beispiel für etwas Allgemeineres. Sie sollte Hoffnung streuen und jeder Leser muss selbst herausfinden, ob er diese darin finden will oder nicht.

„Hier könnte das Ende der Welt sein“ ist ein bewegender und tiefgründiger Roman mit einfühlsamen Charakteren, der sich von anderen Büchern aus diesem Genre unterscheidet und nicht nur von Jugendlichen gelesen werden sollte!

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